Call for Papers - Thomas Mann Jahrbuch 2027
Ökonomie in "Buddenbrooks. Verfall einer Familie"
Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Debütroman Thomas Manns Buddenbrooks. Verfall einer Familie, feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass möchten wir einen neuen Blick auf ein zentrales Thema des Romans werfen, das auch in der Forschung intensiv behandelt wurde: Ökonomie. Während sich die frühe Forschung zunächst insbesondere mit dem Kaufmann in der Literatur, bzw. dem Kaufmannsroman auseinandersetzte, rückte später der Aspekt des Verfalls in den Fokus des Interesses, der nicht zuletzt in der engen Verknüpfung von ökonomischem und gesellschaftlichem Verfall der Familie sichtbar wird.
Wie in Buddenbrooks ökonomische Fragen, Entwicklungen und Konzepte verhandelt werden, soll im Thomas Mann Jahrbuch 2027 näher beleuchtet werden. Neben Fragen nach dem Kreditwesen und dem Geld im eigentlichen Sinn, kann auch die Ordnung der Geschlechter betrachtet werden, die sich vor dem Hintergrund des Ökonomischen konstituiert. Darüber hinaus lassen sich die Begriffe des Ökonomischen wie des Geldes auch ausweiten, sodass weitere ökonomische Prozesse in den Blick genommen werden können. Wie wird in Buddenbrooks die Zirkulation der Zeichen geregelt, in welchem Zusammenhang steht das Ökonomische grundsätzlich mit der Sprache, in welchem mit der Poetologie? Welche Ökonomien (etwa der Gabe oder der künstlerischen Wertschöpfung) werden außerdem produziert und verhandelt?
Weitere mögliche Ansätze könnten sein:
- Inwiefern beeinflusst das patriarchale System in Gesellschaft und Politik den ökonomischen Verfall der Familie? Bewirken bürgerliche Lebensideale diesen Verfall?
- Wie ist Vermögen und Macht zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten verteilt? Welche Aussagen lassen sich aus den möglichen Leerstellen gewinnen?
- Wie verhalten sich im Roman Bargeld und Geld als ideelles Konstrukt zueinander?
- Ist durch den sich im Werk immer wieder wiederholenden Verfallszyklus überhaupt ein dauerhaftes Wachstum möglich?
- Wie lässt sich Buddenbrooks mit anderen Kaufmanns- und Wirtschaftsromanen in Beziehung setzen? In welchem Verhältnis steht der Roman zu zeitgenössischen und aktuellen ökonomischen Diskursen?
- Wie eng sind gesellschaftliche und finanzielle Stellung verknüpft und was geschieht mit Figuren, die sich den kapitalistischen Erwartungen der Gesellschaft nicht beugen?
- Welche ökonomischen Positionen nehmen die einzelnen Familienmitglieder ein, welche Erwartungen werden an diese Positionen herangetragen und wie begrenzt oder ermöglicht Geschlecht wirtschaftliche Handlungsmacht?
- Inwiefern wird das ökonomische nicht nur inhaltlich, sondern auch diskursiv thematisiert?
- Welche Einsparmaßnahmen werden getroffen, um quasi religiöses Kapital zu akkumulieren und somit für das Jenseits gewappnet zu sein?
- Inwiefern ist der Kapitalismus als Glaubensfrage zu behandeln? Ist der wirtschaftliche Niedergang der Buddenbrooks Ursache oder Symptom ihres kulturellen und moralischen Verfalls?
- Wie verhalten sich ökonomisches Kapital (Vermögen, Firma), soziales Kapital (Familiennetzwerke, Reputation) und kulturelles Kapital (Bildung, Kunstsinn, Musik) zueinander? Welche Insignien des Geldes gibt es im Roman?
- Taugt Buddenbrooks als Wirtschaftskrimi (Betrug, Fälschung, Spekulation)?
- Wie verhandeln die Buddenbrooks-Verfilmungen das Ökonomische?
Diese Ideen verstehen sich als erste Anregungen, weitere Ideen sind willkommen. Bitte schicken Sie Ihre Themenvorschläge (Exposé von ca. 300 Wörtern, Informationen zu Ihrer Person) bis zum 31. März 2026 per E-Mail an imke.jelen@thomas-mann-gesellschaft.de. Sie erhalten bis Ende April Nachricht, ob Ihr Vorschlag angenommen wurde. Abgabetermin für die Beiträge ist der 31. August 2026.
