"Das putzt ganz ungemein."

Tagungsbericht: „Thomas Manns Pariser Rechenschaft (1926)."

„Deutsch-französischer Austausch – Europäische Gespräche – Essayistische Experimente“

Die Tagung fand vom 22. bis zum 24. Juni 2026 an der Sorbonne Université Paris statt.

Julia Erdmann und Caroline Weber 

Thomas Mann reiste im Januar 1926 nach Paris, um sich dort sieben Jahre nach dem Versailler Vertrag als inoffizieller Kulturbotschafter der Weimarer Republik um eine deutsch-französische Wiederannäherung zu bemühen. Die neuntägige Reise, die Thomas Mann als „ein Abenteuer ersten Ranges“ (15.1, 1115) bezeichnete, fand europaweit Beachtung. In Paris wurde er vom deutschen Botschafter Leopold von Hoesch festlich im Palais Beauharnais empfangen. Thomas Mann hielt zahlreiche Vorträge und führte viele Gespräche (etwa mit Richard Coudenhove-Kalergi), die sich auch um eine mögliche europäische Einigung drehten. Im Anschluss an diese Reise verarbeitete er seine Eindrücke in dem Buch Pariser Rechenschaft, das als selbständige 121-seitige Monographie im Herbst 1926 im Fischer Verlag erschien und heute seltsamerweise zu den am wenigsten beachteten Texten von Thomas Mann überhaupt gehört. Die umfangreiche Schrift geht in der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe im Band zu den Essays (1914–1926) eher unter. Anlässlich des Paris-Aufenthalts Thomas Manns vor 100 Jahren veranstalteten Barbara Beßlich (Heidelberg) und Olivier Agard (Paris) vom 22. bis zum 24. Juni 2026 an der Université Sorbonne eine internationale und interdisziplinäre Tagung zur Pariser Rechenschaft (1926) in Kooperation mit der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und der Deutschen Botschaft in Paris, die den Abendvortag von Prof. Wißkirchen im Palais Beauharnais ausrichtete. Gefördert wurde die Tagung darüber hinaus von der Fritz Thyssen Stiftung.

Im ersten Themenfeld Die Reise nach Paris 1926 und ihre politischen Kontexte erschloss Sebastian Hansen (Düsseldorf) mit Blick auf das politische Hintergrundgeschehen die diplomatischen Zusammenhänge von Manns Paris-Reise. Erich von Prittwitz und Gaffron arrangierte als deutscher Repräsentant der Carnegie-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt sowie dem deutschen Botschafter Leopold von Hoesch die Einladung als Verständigungsgeste zwischen Deutschland und Frankreich. Marion Aballéa (Strasbourg) bearbeitete Paul Valérys Berlinaufenthalt vom 30. Oktober bis zum 6. November 1926, den sie als diplomatischen Gegenentwurf zu Manns Paris-Reise akzentuierte. Valérys Aufenthalt wurde zu einem stark frequentierten literarischen Ereignis, insbesondere weil er von der französischen Botschaft und dem transnationalen Mayrisch-Netzwerk unterstützt wurde.  Als Fallbeispiel des esprit international – der zentralen Leitlinie der Dotation Carnegie – setzte Katharina Rietzler (Sussex) Manns Paris-Reise in Bezug zur Öffentlichkeitsarbeit der amerikanischen Stiftung und ihrem internationalistischen Netzwerk. Die erste Sektion schloss Olivier Agard (Paris) ab mit seinem Vortrag zu Henri Lichtenberger, der nach Manns Paris-Aufenthalt das germanistische Institut an der Université Sorbonne 1930 gründete. Zentral für sein Verständnis der Germanistik war die kulturelle Vermittlung zwischen den Nachbarländern, die die jeweiligen nationalen Besonderheiten als Bereicherung ansieht. In diesem Zusammenhang erschien Manns politische Ausrichtung der 1920er Jahre für Lichtenberger als geeignetes Bindeglied für eine deutsch-französische Annäherung.

Den zweiten Tagungsschwerpunkt Thomas Manns Pariser Reden und die Entstehung der „Pariser Rechenschaft“ leitete Matthias Löwe (Augsburg) mit seinem ideengeschichtlichen Vortrag ein und umriss die Linien von den Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) bis zur Pariser Rechenschaft. Bisherige Dichotomien wie etwa Kultur/Zivilisation, so die These Löwes, wurden im Kontext der Paris-Reise nicht zurückgenommen, sondern umgedeutet und auf einen europäischen Kontext erweitert. Die scharfe Kritik an Alfred Baeumler innerhalb der Pariser Rechenschaft bereitete dabei Manns spätere Faschismuskritik am Nationalsozialismus vor. Anna Kinders (DLA Marbach) Vortrag befasste sich mit der Publikationsgeschichte der Pariser Rechenschaft. Hierbei erläuterte sie die zweifache Veröffentlichung 1926, erstmalig in der Neuen Rundschau und anschließend als Einzelausgabe bei S. Fischer, als übliches Verfahren des Verlags.

Die dritte Sektion Positionen und Schreibweisen der „Pariser Rechenschaft“ eröffnete Barbara Beßlich (Heidelberg) am zweiten Tagungstag mit einem Vortrag, der sich mit den ungradlinigen politischen Positionen Manns vor allem in Hinblick auf dessen Plädoyer der „aufgeklärte[n] Diktatur“ (15.1, 1134) beschäftigte. Dass die Zusammenführung beider Begriffe zeitgenössisch nicht als Widerspruch galt, zeigte Beßlich anhand nahestehender politischer Ideen von Moritz Julius Bonn sowie insbesondere Alfred Weber, die ebenso auf die europäische Verfassungskrise der Zwischenkriegsjahre reagierten. Ausgehend von diesem Experimentierfeld konkretisierte sich Manns Demokratie-Begriff erst um 1930. Mit der Pariser Rechenschaft als Schwellenwerk befasste sich Alexander Honold (Basel). Sein Vortrag beleuchtete Thomas Manns politische Selbstkorrektur sowie die Funktion von Sprachgrenzen und kulturellem Rollentausch. Dabei spielten besonders die traditionsbehafteten Bezüge zur Gattung der confessio, die sprachliche Unterlegenheit im Französischen und die Interpretation der einst betonten Gegensätze als komplementäre Kräfte eine Rolle. Im Nachhinein führt Mann das Verfahren des Rollentauschs in die Fiktion zurück; was in der Pariser Rechenschaft als geistige Selbstkorrektur und kulturelles Einvernehmen erprobt wurde, erscheint in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull (1954) als narratives Spiel mit Identitäten. Tom Kindt (Fribourg) widmete sich in seinem Vortrag der literarischen Komposition des diarischen Nebeneinanders der Geschehnisse der Pariser Rechenschaft hinsichtlich der beiden strukturierenden Begriffe ‚Rechenschaft‘ und ‚Abenteuer‘. Der Text wird als Gattungshybrid aus Tagebuch, Reisebericht und Essay aufgefasst, der die Bedeutung der Paris-Reise in Bezug auf die persönlichen und kulturpolitischen Neuakzentuierungen aufarbeitet. Die Rolle des deutschen Schriftstellers als Kulturbotschafter interpretierte Kindt dabei als Lebensdienst.

Das vierte Themenfeld Europäische Gespräche und Kontexte leitete am Nachmittag Vanessa Conze (Eichstätt) mit ihrem Vortrag zu den Europaideen und -bewegungen der ‚Locarno-Ära‘ ein, in deren europäischer Verständigungspolitik Manns Pariser Rechenschaft eingeordnet wurde. Das Spannungsfeld der Konzepte Paneuropa, Reich und Abendland ist um 1926 Ausdruck einer Schwellenzeit, in der Mann mit konkurrierenden Europavorstellungen experimentiert. Die verständigungsbereite Neuausrichtung wurde dabei von rechter Seite als Verrat und „Kniebeuge“ (15.1, 1149) vor Frankreich gewertet. Anknüpfend an das Paneuropa-Konzept legte Friedhelm Marx (Bamberg) in seinem Vortrag zur Entwicklung von Manns Europaverständnis ein besonderes Augenmerk auf dessen Beziehung zu Richard Coudenhove-Kalergi. Marx skizzierte den zunehmenden Kosmopolitismus in Manns Selbstverständnis sowie dessen Engagement für Europa. Dass sich dies im Paris-Aufenthalt abzeichne, bezeugt auch die negative Resonanz, die anhand der kritischen Äußerungen Stefan Zweigs und Hanns Johst veranschaulicht wurde.

Den Abend des zweiten Konferenztages schloss Hans Wißkirchen (Lübeck) im Palais Beauharnais ab, der Residenz des deutschen Botschafters, in der auch Thomas Mann während seines Aufenthalts gesprochen hatte. Gemäß dem Vortragstitel Traumland und Gegenpol stellte er das Frankreichbild der Brüder einander gegenüber: Auf der einen Seite Heinrich Manns Frankreich als frühe und durchgehend positive Bezugsgröße und auf der anderen Seite die von der anfänglichen Abneigung polierte Frankreichidee des jüngeren Bruders, die sich im Laufe der 1920er Jahre ungradlinig zugunsten Europas öffnete. Die Paris-Reise 1926 ist dabei ein Zeugnis dafür, dass Thomas Mann seinen Gegenpol des Hasses mit dem der Bewunderung ausgetauscht hatte.

Larissa Wilwert (Heidelberg) eröffnete den finalen Tagungsschwerpunkt Deutsch-französische Mittlerfiguren. Ihr Vortrag stellte Maurice Bouchers Rede Adresse à Thomas Mann vom 21. Januar 1926 der selektiven Verarbeitung Manns in der Pariser Rechenschaft gegenüber. Dabei identifizierte Wilwert diverse Umdeutungs- und Auslassungsverfahren Manns in Bezug auf Bouchers Kritik der Betrachtungen. Dies stellte sich insofern als auffällig heraus, als es dem Bild der intellektuellen Verbrüderung widerspricht, das im Briefwechsel und der Pariser Rechenschaft rhetorisch insinuiert wurde. Dieses latente Darstellungsverfahren wahrte den Anschein einer Dialogizität. Einen stärkeren Perspektivwechsel auf die Seite der französischen Rezeption Manns und dessen Paris-Reise nahm im Anschluss Bénérice Palaric (Paris) vor. Auf Grundlage von Archivmaterial rekonstruierte sie Félix Bertaux’ Bestreben als französischen Vermittler Manns vor und während des Besuchs in Paris. Zum einen bemühte sich der französische Germanist um die Versöhnung Manns mit dem Nachbarland und zum anderen versuchte Bertaux’ umgekehrt auch das in Frankreich äußerst negative Bild des deutschen Schriftstellers zu rehabilitieren. Julian Bockius (Heidelberg) ergänzte die deutsch-französischen Mittlerfiguren um Charles Du Bos, einen publizistisch aktiven Essayisten der Pariser Moderne. In seiner Rede Hommage à Thomas Mann vom 21. Januar 1926 skizziert Du Bos, so Bockius, ein konservativ-christliches, von der Politik gelöstes Europabild. Manns Verhältnis zur Republik wird ausgespart und der deutsche Schriftsteller mittels Glättung von Maurice Barrès’ patriotistisch-chauvinistischer Weltanschauung mit diesem in eine geistige Verwandtschaft gebracht. Mann gibt der Hommage in der Pariser Rechenschaft nur wenig Raum. Er registriert zwar ohne inhaltliche Beipflichtung die Verbindung zu Barrès, deutet sie aber für den eigenen Sympathie-Begriff und die antinationalistische Selbstverortung um. Reinhard Mehring (Düsseldorf) veranschaulichte zum Abschluss der Tagung, dass es sich bei Otto Grautoffs Texten nicht um bloße Gebrauchsliteratur handelt und sein politisches Ressentiment einer näheren Auseinandersetzung durch die Forschung bedarf. Die Grundlage des Vortrags bildete vor allem Grautoffs unveröffentlichte fragmentarische Autobiografie Ein deutsch-französisches Leben, die als Pariser Rückblick des Jugendfreundes Thomas Manns gelesen werden kann. Mehring führte aus, dass Mann die Jugendfreundschaft nicht pflegte, was zu einer Außerachtlassung vonseiten der Forschung führte, und sprach sich für eine kritische Edition der Publikationen Grautoffs aus.

Die gesammelte Publikation der Vorträge zuzüglich weiterer Beiträge ist in Planung und soll im nächsten Jahr erscheinen.

 

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